Vision

„Das Leben ist mehr als Du kennst“, sagte das störende Fremde

Ein Aufsatz zu der Philosophie von EPECTO e. V.

(1) Der Unterschied, der uns miteinander verbindet

EPECTO e. V. ist ein kleiner gemeinnütziger, eingetragener Verein. Der Name ist ein Akronym, das sich folgendermaßen zusammensetzt: Exchange Program on Education, Culture and Teaching Objectives. Es handelt sich um ein beidseitiges Austauschprogramm zwischen den Philippinen und Deutschland, bei dem Erziehungsziele, kulturelle Aspekte sowie Fragen, die Unterricht und Lehre betreffen, im Vordergrund stehen. D02as inoffizielle Motto lautet: „Erziehung und Bildung durch Unterbrechung des Gewohnten.“ Indem die Teilnehmer mit einer Kultur konfrontiert werden, die grundverschieden von der eigenen ist, werden sie befähigt, Lebenskompetenzen zu entwickeln. Seit knapp zehn Jahren hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten und in unterschiedlichen Zeitrahmen gezeigt, dass die Partnerschaft zwischen den beiden Ländern für alle ein Gewinn ist.

Die Philippinen sind ein Entwicklungsland mit einem relativ niedrigen HDI (Human Development Index, deutsch: Index für menschliche Entwicklung). In dem globalen Ranking dieses Wohlstandsindikators der Vereinten Nationen lagen die Philippinen im Jahr 2012 auf Platz 114, wobei die absteigende Tendenz im Vergleich zum Jahr 2011 deutlich sichtbar ist. Erst vor kurzem gab das Land sein 10jähriges Schulsystem auf, das bis dahin nur noch in zwei anderen Ländern zu finden war, die ihrerseits ebenfalls Entwicklungsländer sind. Das derzeitige 12jährige System ist international anerkannt. Auf den Philippinen gibt es nur einige wenige nationale Eliteuniversitäten, denen es leider kaum gelingt, in verschiedenen weltweit anerkannten Ranking Systemen einen Platz unter den 4000 besten Hochschulen zu erlangen. Das frühere herausragende Charakteristikum der Philippinen, in Südostasien ein Haupthandelspartner zu sein, ging in den vergangenen drei Jahrzehnten verloren. Derzeit beruht ein hoher Prozentsatz des Bruttosozialprodukts auf der Leistung von Fabrikarbeitern mit Kurzeitverträgen, die außerhalb des Landes überall auf der Welt für verschiedene ausländische Arbeitgeber tätig sind.

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Deutschland hingegen ist ein hochentwickeltes Land, das im selben HDI Ranking Platz 4 einnimmt. Im Vergleich zu den Vorjahren ist ein stetiges Wachstum im sozio-ökonomischen Bereich zu beobachten. Deutsche Universitäten gehören konstant zu den 100 besten der Welt und haben mehr als 70 Nobelpreisträger unterschiedlichster Fachrichtungen hervorgebracht. Das Land ist einer der soziökonomischen Hauptakteure innerhalb Europas und ist ein Bollwerk des Handels und der Industrie geblieben, das entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung seines gesamten Umfelds ausübt. Deutsche bereisen die Welt, nicht in erster Linie weil sie den Lebensunterhalt ihrer Familien oder Verwandten bestreiten müssen, sondern um die Welt kennen zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, daraus zu lernen und manchmal auch, um einen Beitrag dazu zu leisten, das sich auf gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet etwas ändert.

Doch die Unterschiede beschränken sich nicht allein darauf. Die Länder unterscheiden sich auch bezüglich der Art und Weise, wie sie die Welt sehen. Die Philippinen gehören zwar zu den am westlichsten geprägten Ländern in Südostasien – ein Merkmal, das auf die Jahrhunderte andauernde Kolonisierung durch westliche Länder wie Spanien und die Vereinigten Staaten zurückgeht – doch das Land bleibt eine kollektivistische Gesellschaft. Kollektivismus durchdringt quasi sämtliche Bereiche philippinischer Kultur, von der kleinsten Einheit bis zu den globalen Einheiten der Behörden und der Geschäftswelt. Daraus ergibt sich folgerichtig die Wahrnehmung, dass sich ihr Rückgrat nicht aus Individuen zusammensetzt, sondern aus gesellschaftlichen Einheiten, in denen das „Ich“ keine zentrale Rolle spielt und häufig durch ein „Wir“ ersetzt wird.

Im Gegensatz dazu ist das kulturelle Gefüge Deutschlands individualistisch geprägt. Als späte Früchte des Gedankenguts der Aufklärung, wird den Deutschen, sobald sie eine Grundstufe der Bewusstseinsbildung erreicht haben, der Wert vermittelt, für ihr Selbst Sorge zu tragen. Dies ist sowohl ein Recht als auch eine Pflicht, die per Gesetz geschützt ist, und durch verschiedene Institutionen implementiert wird, und zwar sowohl explizit als auch implizit. Daraus resultiert, dass die sozio-ökonomische Entwicklung auf den Schultern zuverlässiger und verantwortungsbewusster Individuen ruht und nicht so sehr auf kollektivistischen, gesellschaftlichen Einheiten, wobei letztere – wenn sie denn existieren – eher als bloße Folge denn als Voraussetzung für erstere gesehen werden.

Dieser ethnologische Unterschied stellt interessante Rahmenbedingungen für ein Austausch-programm dar, dessen Ziel es ist, interkulturelle Kompetenzen zu fördern. Diese können, wenn sie bewusst entwickelt werden, zu Lebenskompetenzen werden, die nicht nur dem Deutschen oder dem Filipino zum Vorteil gereichen, sondern sich allgemein positiv auf die globalisierte Welt auswirken. Beide Kulturen können auf unterschiedlichsten Ebenen viel voneinander lernen und einander viel geben. Schon das allein ist nicht nur eine Einladung zum Engagement, es ist geradezu eine Verpflichtung.

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(2) Die Initiative, um zu helfen und miteinander in Kontakt zu treten

Wie dem auch sei, der sozio-ökonomische Unterschied ist auch in der Hinsicht erwähnenswert, als er Initiativen befördert, die entwickelte Länder Entwicklungsländern anbieten können, denn die beiden Begriffe sind nicht nur theoretische Konzepte, sondern auch Indikatoren, die darauf hinweisen, inwieweit und wie erfolgreich ein Land überlebensfähig ist im Hinblick auf menschliche Grundbedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft, Gesundheitsfürsorge und allgemeine Sicherheit in einer modernen globalisierten Gesellschaft. Es stimmt, dass man nicht vom Brot allein lebt, aber es ist ebenso richtig, dass man sich wohl kaum mit leerem Magen an irgendwelchen Initiativen beteiligen kann.

Jede einzelne dieser Erwägungen motiviert EPECTO e. V., mehr junge Menschen zum Freiwilligendienst auf die Philippinen zu entsenden, was nicht nur der eigenen Grundidee entspricht, sondern auch im Einklang mit anderen deutschen Institutionen steht, deren Ziel es ist, Menschen für humanitäre oder soziale Belange in die Welt hinaus zu schicken. Der Verein mag zwar klein sei, sowohl bezüglich der Anzahl seiner Mitglieder als auch im Hinblick auf seinen Wirkungsbereich, aber auf den Philippinen nimmt er einen festen Platz ein. Die intensive Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Bildungseinrichtungen und anderen Institutionen des gesellschaftspolitischen und kirchlichen Lebens hat dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet. Die Vorstandsmitglieder sind deutsche Beamte im höheren Dienst sowie ein Filipino, der seine akademische Ausbildung sowohl an philippinischen Eliteuniversitäten als auch an einer deutschen Hochschule erworben hat.

90% Prozent der EPECTO-Teilnehmer sind Deutsche, die im Verlauf der vergangenen zehn Jahre eine gewisse Zeit auf den Philippinen in unterschiedlicher Funktion verbracht haben. Die verbleibenden 10 % sind Filipinos, die Deutschland besuchen. Der Hauptgrund für dieses Ungleichgewicht ist wirtschaftlicher Natur. Wenn Deutsche zu den Philippinen aufbrechen, sammeln sie Spendengelder für ihre Reisekosten und den Lebensunterhalt. Ihren philippinischen Partnern ist das nicht möglich. Sie kommen in ihrem Alltagsleben mit Mühe über die Runden, so dass eine Reise – wie bereichernd diese auch sein mag – ein zu großes Loch in ihr eigenes Budget und das ihrer Familie reißen würde. Daraus folgt, dass Filipinos nur dann nach Deutschland fahren können, wenn genug Spendengelder für die entstehenden Kosten vorhanden sind. Während dieser Nachteil bestehen bleiben wird, kann man sagen, dass die Philippinen für viele der Deutschen, die am Friedrich-Alexander-Gymnasium mit dem Verein in Berührung kommen, ein interessantes Ziel für ein soziales Auslandspraktikum geworden sind

(2.1) Internationale Chance für die ländliche Region

Das Neustädter Friedrich-Alexander-Gymnasium ist eine Schule mit einem relativ großen Einzugsgebiet. Es dominiert die Schullandschaft einer Kleinstadt. Mit einer Gesamtzahl von 1000 Schülern handelt es sich um eine relativ große Schule in einer Stadt, die im Vergleich zu deutschen Metropolen relativ klein ist. Der Umfang der Möglichkeiten für internationales Engagement ist allerdings nicht mit dem zu vergleichen, was in den großen Nachbarstädten Nürnberg, Erlangen oder Würzburg geboten wird.

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EPECTO e. V. bietet den interessierten Teilnehmern die Gelegenheit, einen kulturellen Austausch zu erleben, sich an einer philippinischen Universität für ein Gastsemester einzuschreiben, oder ein soziales Auslandspraktikum in einem Entwicklungsland abzuleisten. Interessierte können dieses Angebot vor Ort nutzen, für das sie sich andernfalls in den größeren Städten der Umgebung umschauen müssten, was mehr Zeit, Energie und Geld kosten würde. Mittels der Kooperationspartner des Vereins können sie je nach dem gewünschten Zeitrahmen sofort an philippinische Institutionen vermittelt werden. Außerdem bietet der Verein ein Seminar an, in dem interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Kürzlich wurde dieser Kurs offiziell als Vorbereitungsseminar anerkannt, das jedem Teilnehmer die Möglichkeit eröffnet, ein soziales Auslandspraktikum über weltwärts abzuleisten oder durch EPECTO e.V. oder unabhängig davon.

(2.2) Lebenskompetenzen in der Praxis lernen

Ein soziales Auslandspraktikum oder Freiwilligenarbeit auf den Philippinen bietet deutschen Teilnehmern eine einzigartige Bildungschance. Die Deutschen gehören zu den 5% der Menschen auf der Welt, die am weitesten gereist sind. Es gilt jedoch zu beachten, dass mit Reisen größtenteils ein touristisches Reisen oder ein Erholungsurlaub gemeint ist. Auch diejenigen, die lange genug im Ausland leben, als Studenten oder aus beruflichen Gründen, reisen oft in ein Land, das auf einer ähnlichen Entwicklungsstufe steht. Weder in dem einen noch in dem anderen Fall ergibt sich die Gelegenheit, in die Schwierigkeiten und Probleme eines Entwicklungslandes einzutauchen und dessen kulturellen Reichtum zu entdecken. So kann man verstehen, dass jemand, der häufig seinen Urlaub im Ausland verbracht hat, leicht dem Irrtum erliegt, er sei bereits welterfahren und kosmopolitisch. Auch beobachtet man bei Touristen aller Art nicht selten eine fröhliche Unbefangenheit am Urlaubsort. Annehmlichkeiten sind ja auch in Entwicklungsländern durch die Tourismusindustrie beinahe selbstverständlich verfügbar. Es verwundert nicht, dass man einen mehrwöchigen Urlaub auf den Philippinen verbringen kann, ohne je Notiz zu nehmen von dem, was sich außerhalb des eigenen Wahrnehmungsbereichs befindet. Fairerweise muss man konstatieren, dass wohl die meisten außer Stande sind, unvorbereitet in angemessener Weise mit Entwicklungsländern umzugehen.

Es versteht sich von selbst, dass ein Eintauchen in das Gefüge eines Entwicklungslandes ein unerlässlicher Bestandteil wahrer Bildung ist, wenn man unter „wahrer Bildung“ den Erwerb von Lebenskompetenzen versteht. Die Welt ist nämlich weder so klein noch so einfach, wie theoretisches Wissen es nahe legt. Der größte Teil der Weltbevölkerung hat keinen Anteil an Annehmlichkeiten, die in hoch entwickelten Ländern eine Selbstverständlichkeit sind. Darum ist Menschen in Entwicklungsländern auch die Weltsicht fremd, die solche Annehmlichkeiten ermöglichen. Arme Bevölkerungsgruppen sehen die Welt in einer Weise, die den Wohlhabenderen weitgehend unbekannt ist oder von ihnen missverstanden wird. In EPECTO wünschen wir, dass die Weltbevölkerungsmehrheit weder ausgeschlossen, noch mit Herablassung behandelt wird. Auch kulturelle Gleichgültigkeit oder einen teilnahmslosen „Museums-besuch“ im Entwicklungsland halten wir für nicht erstrebenswert. Es ist unser Ziel, jungen Menschen eine erweiterte Sicht auf fremde Kulturen zu ermöglichen. Im Idealfall hoffen wir eine reife Geisteshaltung zu fördern. Wir hoffen, dass sich unsere Teilnehmer für globale Chancengleichheit stark machen und eine Offenheit entwickeln und vertiefen, von anderen Kulturen zu lernen.

(3) Lernen von dem Anderen, lernen von anderer Umgebung

Goethe schrieb einmal: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Dem müsste hinzugefügt werden, dass diese Aussage nur dann gültig ist, wenn man es nicht oberflächlich tut. Die traurige Tatsache bleibt bestehen, dass Reisen nie zur Bildung des Reisenden beiträgt, wenn dieser nur an der Oberfläche kratzt, wenn er nur das wahrnimmt, was er wahrnehmen möchte, wenn es ihm nicht gelingt, die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen. Wenn dies der Fall wäre, würde Reisen den Reisenden nicht bilden. Wenn man aber woanders lebt und dies lange genug, um den Anderen wahrzunehmen, um Einblick in seine Kultur zu gewinnen und sich neuen Möglichkeiten des Menschseins öffnet, dann bildet Reisen in der Tat. Dann bildet es hervorragend. Dann bildet es für das Leben.

Diese Art der Bildung, die Goethe für die beste hält, kann nur durch die Chance erreicht werden, an einem anderen Ort zu leben und von dem Anderen zu lernen. Es kann nur durch ein Verlassen gewohnter Pfade erreicht werden, also dadurch dass man bereit ist, seine vertraute Umgebung zeitweilig aufzugeben und in eine andere Welt einzutauchen. Das ist nicht leicht, aber dadurch wird der Charakter geformt. Die eigene Perspektive erweitert und vertieft sich. Das ist Erziehung und Bildung des ganzen Menschen, wie sie besser nicht sein  kann.

Die grundlegende Motivation von EPECTO zielt darauf ab, solche Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Ein Freiwilligeneinsatz auf den Philippinen ist eine einzigartige Möglichkeit, dies zu verwirklichen. Er ist die notwendige Bedingung dafür. Mit der Unterstützung einer renommierten Institution wie weltwärts kann dieses Bemühen gestärkt werden und größere Dimensionen annehmen, so dass mehr Schüler und Studenten in den Genuss dessen kommen, was es heißt, wirklich für das Leben gerüstet zu sein.

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